Zusammenfassung: Das Ende der Fetten Jahre? Amerikanische und Deutsche Antworten auf die Wirtschaftskrise

Diese Studio kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Euro Krise und die Große Rezession haben dazu beigetragen, dass Deutschland eine höhere Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit durch die US-Medien und Politik erhält. Innerhalb Europas wird darüber diskutiert, ob Deutschland als führendes Exportland von der Einführung des Euro profitiert und die Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie zerstört hat, oder, ob Deutschlands zurückgewonnene wirtschaftliche Stärke und Führungsrolle das Resultat seiner erfolgreichen Ordnung der sozialen Marktwirtschaft ist. Die laufenden Bemühungen, den Euro zu retten, haben dazu beigetragen, dass der Enthusiasmus für eine weitere europäische Integration nachgelassen hat.
  •  Deutschlands Wirtschaftspolitik, die auf den Prinzipien des Ordoliberalismus basiert, hat historisch starken Wert auf eine merkantilistische Politik (der Akkumulation von Handelsüberschüssen) in Kombination mit starken staatlichen Institutionen gelegt. Der Ordoliberalismus der Nachkriegszeit vereinte Staatsrecht und Marktwirtschaft, um eine formale wirtschaftliche Ordnung zu schaffen, in welcher Staaten und Märkte miteinander auf eine Weise agieren, die individuelle Freiheiten und Markteffizienz gewährleistet, aber vor von Interessengruppen gesteuerten staatlichen Eingriffen schützt. Grundlegende Prinzipien des Ordoliberalismus sind: ein funktionierender Preismechanismus, eine stabile Geldpolitik, eine Garantie für offene Märkte, Privateigentum und Vertragsfreiheit, sowie individuelle und institutionelle Haftung und eine Politik der Stetigkeit.
  •  Die keynesianischen Konjunkturpakete der 1970er und 1980er führten nicht zu ökonomischem Wachstum in Deutschland. Auch die Wiedervereinigung 1990 verursachte ein beträchtliches Ansteigen des Staatsdefizits, schaffte es aber nicht, das Wirtschaftswachstum anzutreiben und führte 1992 zu einer Rezession. Deutschland exportierte dabei seine von der Wiedervereinigung ausgelösten Inflationsprobleme in die EU, beeinträchtigte dadurch die Pläne für eine Gemeinschaftswährung und veranlasste letztendlich Helmut Kohl dazu, die Deutsche Mark aufzugeben. Der Staat erwirtschaftete bis 2007 ein Haushaltsdefizit, und der dann ausgeglichene Haushalt wurde 2008 erneut durch die Wirtschaftskrise zunichte gemacht.
  • Die Annahme in Deutschland, dass Importe schlecht und Exporte gut für die Wirtschaft sind, hat zu Problemen für die Eurozone geführt und letztlich zur Eurokrise beigetragen. Da Europas Leistungsbilanz mit dem Rest der Welt weitgehend ausgeglichen ist, muss Deutschlands Überschuss mit Defiziten anderer Länder innerhalb der Eurozone ausgeglichen werden. Um die Importe finanzieren zu können, müssen die Defizitstaaten Kapital über ausländische Banken importieren. Die Defizitstaaten häufen so laufend Schulden an. Diese Schulden enden dann in den Bilanzen der Banken aus den Überschussländern. Wenn das Ungleichgewicht anhält, überschuldet sich das defizitäre Land, irgendwann kommt es zu einem Zahlungsausfall und die Gläubigerbanken erhalten weniger Geld zurück als ihnen ursprünglich geschuldet wurde. Banken mit ungenügendem Eigenkapital müssen dann vom Staat gerettet werden, was letztlich zu einer Umverteilung vom einfachen Steuerzahler hin zu den Eigentümern und Angestellten der Exportindustrie führt.
  • Wenn ein Defizitstaat seine Währung nicht abwerten kann, gibt es drei Möglichkeiten, das makroökonomische Ungleichgewicht zu beheben: 1. Die Lohnerhöhungen bleiben proportional hinter jenen der wirtschaftlich stärkeren Region zurück; 2. Es kommt zu einer verstärkten  Migration von Arbeitskräften von den wirtschaftlich schwachen in die stärkeren Regionen und 3. Es kommt zu dauerhaften Geldtransfers von den Überschuss- zu den Defizitstaaten, um die Regionen der Währungsunion zu unterstützen, die nicht länger wettbewerbsfähig sind. Basierend auf den Erfahrungen mit der Wiedervereinigung werden in Deutschland wohl am ehesten die Migrationsströme akzeptiert.
  • Die Rolle Deutschlands innerhalb Europas ist vergleichbar mit jener der USA für die gesamte Welt; Deutschland ist nun der Hegemon in Europa und seine Macht und sein Einfluss sind notwendig, um die Krise zu überwinden. Darüber hinaus ergeben sich aus der Eurokrise auch Implikationen für die geopolitische und innere Sicherheit. Der wirtschaftliche Abschwung ist eine der größten Bedrohungen für den Weltfrieden und ein Rückgang der Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben dürfte Europa zukünftig noch mehr davon abhalten, die USA bei der Gewährung der globalen Sicherheit zu unterstützen.
  • Die Ursachen und Reaktionen auf die Große Rezession variierten in Deutschland und den USA. Die USA gerieten in die Rezession, weil privater Konsum und Festkapitalbildung zurückgingen, wohingegen Deutschland betroffen war, weil Exporte schneller fielen als Importe.
  • Automatische Stabilisierer sind in Deutschland stärker und in den USA schwächer als der OECD-Durchschnitt, was bedeutet, dass die USA sich stärker auf fiskalischen Stimulus und Steuererleichterungen verlassen haben, um das Wirtschaftswachstum anzutreiben. Vergleicht man den relativen Umfang des von den Regierungen bereitgestellten Stimulus, war Deutschlands Nachfrageschaffung durch die Regierung zwei Mal so hoch wie die der USA, nachdem die Rezession begann, und hat sich positiv auf das Bruttoinlandsprodukt ausgewirkt. Die Stimulus-Bemühungen der USA wurden durch Einschnitte auf staatlichen und lokalen Ebenen beeinträchtigt.
  • Die Arbeitslosigkeit in den USA ist höher als in Deutschland und das trotz eines vergleichsweise stärkeren Konjunkturabschwungs in Deutschland. Deutschlands regierungsgestützte Arbeitsprogramme (Kurzarbeit, Kürzungen der Überstunden) haben eher die Arbeitszeit gekürzt als Arbeitsstellen. Arbeitgeber in den USA haben Stellen gestrichen. So kommt es, dass die Arbeitslosenquote in den USA auf ihrem historisch höchsten Stand ist und in Deutschland den niedrigsten Stand seiner Geschichte erreicht hat.
  • Unterschiede in der Rolle und Politik der Zentralbanken sind ein Teil der unterschiedlichen Reaktionen auf beiden Seiten des Atlantiks. Deutschland und die EU haben nicht die notwendigen Institutionen, um mit einer Krise dieses Ausmaßes umzugehen. Die Mitglieder der EZB haben alle das gleiche Maß an Einfluss (gleiche Sitzanzahl), wodurch Berlin weniger Einfluss als in anderen EU Institutionen hat. Anfänglich haben sowohl die EZB als auch die US-Notenbank (Federal Reserve) die Zinsen deutlich gesenkt. Die US-Notenbank hat danach wichtige finanzielle Institutionen vor dem Bankrott gerettet. Die EZB sieht sich gewaltigen institutionellen Schranken und einem komplexerem Problem gegenüber: Sie muss mehrere individuelle Regierungen berücksichtigen ohne zentrale fiskalische Autorität auszuüben.
  • Sobald sich die wirtschaftlichen Bedingungen einander annähern, werden sich in der Zukunft auch die politischen Reaktionen auf beiden Seiten des Atlantiks näherkommen.

Eine englische Fassung finden Sie hier.

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