Wie die Türkei ein
wirkliches Modell für die Region werden kann
English Version
Während gegenwärtig das
Thema Zukunft des Iraks alle zu beschäftigen scheint, hat der westliche Nachbar
des Landes bei den letzten Parlamentswahlen ein unblutiges Erdbeben erlebt. Von
vielen im Ausland als "Wolf im Schafspelz" oder "gemäßigt fundamentalistisch"
bezeichnet, hat die Partei von Ministerpräsident Erdogan bereits jetzt Freund
und Feind verwirrt. Entgegen aller Prognosen steht die Scharia nicht vor der
Einführung und christliche und jüdische Stiftungen sind erstmals in der
Geschichte des Landes gegenüber sunnitisch-muslimischen Stiftungen
gleichberechtigt. Aber auch die bislang das Land tatsächlich führende
militärisch-bürokratische Elite, assistiert von einigen mächtigen Medien, Teilen
der Justiz und der Wirtschaft, staunt über Ministerpräsident Erdogan. Der Westen
und die Falken um die kemalistisch-autoritäre Elite im eigenen Land nahmen
verwundert zur Kenntnis, dass es Erdogan und die regierende AKP waren, die
erstmals auf Zypern für eine Verhandlungslösung mit dem griechischen Teil
plädierten und Verständnis für den Willen der Mehrheit im Norden der Insel
zeigten. Selbst der gescheiterte Versuch, in der Türkischen Nationalversammlung
(TBMM) eine Mehrheit für eine Stationierung von US-Truppen in der Türkei zu
bekommen, spricht eher für die Etablierung eines selbstbewussten Parlamentes und
einem für türkische Verhältnisse erstaunlichen Maß an innerparteilicher
Demokratie. Wer hätte gedacht, dass die jahrelang im Westen als pro-westlich
gehätschelten Militärs des Landes und ihre quasi parlamentarische Vertretung,
die selbsternannten türkischen Sozialdemokraten von Herrn Baykal und seiner CHP,
ihren säkularen "Freunden" aus den USA die Hilfe bei der Beseitigung des
Baath-Regimes im Irak verweigern? Aus Sicht des traditionellen Establishments
der Türkei ist der säkulare Diktator Saddam Hussein stets das kleinere Übel
gewesen gegenüber allem, was jetzt kommen könnte. Insbesondere die geradezu
wahnhafte Angstvorstellung vor zu viel kurdischer Eigenständigkeit im Norden des
Iraks und das tiefsitzende Misstrauen gegenüber den Kurden im eigenen Land sind
Hindernisse auf dem Weg zu einer realistischen und zukunftsorientierten
Neuorientierung des Landes zwischen Asien und Europa.
Der Sieg der AKP bei den
letzten Parlamentswahlen bedeutet eine echte Chance für die Türkei - und für den
Westen. Wenn Europäer und Amerikaner den Reformprozess gemeinsam fördern, könnte
das Land am Bosporus ein erfolgreiches Modell für die Versöhnung von Islam und
Moderne in einer parlamentarischen Demokratie werden. Eine "säkulare Demokratur"
jedenfalls mit zahlreichen ungelösten innenpolitischen Problemen (von der
Zypernfrage über das Kurden- und Menschenrechtsproblem bis zum absurden
Turbanstreit an Schulen) dürfte kein Modell sein für die nicht gerade
demokratieverwöhnten Menschen in der Region.
Erdogan hat erkannt, dass
der europäische Weg auch seinen Zielen dienlich sein kann. So hat er im
Wahlkampf immer wieder auf das deutsche Modell des säkularen Staates verwiesen,
in dem es trotz Trennung von Staat und Kirche konfessionelle Schulen,
Konfessionsunterricht an staatlichen Schulen und zugleich eine theologische
Freiheit vom Staat gibt. Die religiöse Freiheit gerade für Muslime in der
Bundesrepublik hat er immer wieder als gelungenes Beispiel gewürdigt.
Wenn der Westen der Türkei
den europäischen Weg ebnen will, müsste er dem Land, entgegen früherer
Lippenbekenntnisse, am Ende auch tatsächlich das Tor zur Mitgliedschaft in der
Europäischen Union öffnen. Eine zivile Türkei wäre auch ein Magnet der
Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft für die instabile Region an der
Ostgrenze des Landes. Im Kaukasus, auf der arabischen Halbinsel und unter den
asiatischen Turkrepubliken könnte die Türkei endlich die Rolle spielen, die ihr
amerikanische Geostrategen schon lange zubilligen. Eine offensivere
Herangehensweise der Europäischen Union gegenüber dem türkischen Beitrittswunsch
könnte vielleicht auch bei der dringend benötigten Entspannung im
europäisch-amerikanischen Verhältnis helfen. Die USA ihrerseits könnten ihren
Einfluss stärker nutzen, die Modernisierer um den Ministerpräsidenten stärker
gegen die bislang bevorzugte militärisch-bürokratische Elite zu unterstützen,
ihre Blockadehaltung aufzugeben.
Cem Özdemir is a
Transatlantic Fellow at the German Marshall Fund of the US. He was the first
Member of Parlament in Germany of Turkish origin from 1994 to 2002.
Weitere Informationen
über U.S.-Turkish-German Beziehungen, finden Sie unter der AICGS Konferenzreihe:
Challenges to German and American Foreign Policy: /topics/fp/turkey2.aspx /topics/fp/turkey498bonn.aspx /topics/fp/ankara.aspx
Weitere AICGS Texte über die
Türkei, die EU und die USA finden Sie unter: "Turkey, the U.S. and Europe- A
Troubled Triangle" by Dr. Ian O. Lesser "Talking Turkey after
Copenhagen" by Dr. Jackson Janes
 The views
expressed in this article are those of the author(s) alone. They do not
necessarily reflect the views of the American Institute for Contemporary German
Studies.
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