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Der neue Bush
By Stefan Kornelius

Im Jahr 2000 wurde George W. Bush Präsident per Gerichtsbeschluss. Der Mann trug vier Jahre lang den Makel des Zufälligen, des zu Unrecht Ernannten. Seine Politik stand unter dem Verdacht der Illegitimität, und vielleicht war sie deshalb noch aggressiver, noch rigoroser. Ein von der Mehrheit der Wähler getragener Präsident hätte gelassener sein können. Bush aber musste sich beweisen, er musste sich geradezu aufzwingen.

Jetzt hat der Präsident diesen Makel getilgt. Mit einem satten Vorsprung und einem beeindruckenden Ergebnis in den Schlüsselstaaten wurde Bush für eine zweite Amtszeit gewählt. Es wird dies eine bemerkenswerte Phase werden. Er wird seine Agenda im Gefühl einer breiten Unterstützung zu Hause betreiben, und er kann sich auf eine konservative Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments verlassen. Amerika rückt nach rechts, weil das Volk es so will.

Die stundenlange Unsicherheit über das Wahlergebnis muss als eine Art Schockpause für die Demokraten hingenommen werden. Niemand hatte ein so eindeutiges Votum für Bush erwartet, die Dynamik gerade in den letzten Tagen hatte eher für Kerry gesprochen. Er brauchte denn auch einige Zeit, um sich in die Niederlage zu fügen. Der Abstand in Ohio war einfach zu groß. Eine Nachzählung hätte die Demokraten vermutlich nachhaltig beschädigt, weil sie als schlechte Verlierer dagestanden wären.

Die Sensation der Wahl 2004 ist, dass Bush trotz einer gewaltig gestiegenen Beteiligung nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner, sondern auch die absolute Mehrheit der Wähler hinter sich versammeln konnte. Amerika unterstützt den Kurs des Präsidenten und teilt nicht die Wahrnehmung einer Mehrheit in der übrigen Welt, wonach Bush schädlich sei für das Land. Die Außenpolitik in schwerer See, ein illegitimer Krieg im Irak mit ungewissem Ausgang, eine exorbitante Staatsverschuldung und ein rasanter Verlust an Arbeitsplätzen im eigenen Land -- und George Bush hat dennoch das Vertrauen der Mehrheit, weil diese Mehrheit seine Geradlinigkeit und Härte schätzt.

Amerika entscheidet aus seiner inneren Befindlichkeit heraus und ist unempfänglich für den Blick von außen. Das Herz Amerikas -- auf der Wahlkarte republikanisch rot eingefärbt --, dieses Herz verlangt nach Stärke und einfachen Formeln. Schwierige Probleme müssen simpel gelöst werden. Bushs Wähler sehen die Welt nicht in ein Geflecht aus Abhängigkeiten und in einen Wust von Problemen verstrickt -- sie sehen Amerika als Führungsnation, die gestalten muss.

All dies hat wenig mit Ideologie zu tun. Das Land sehnt sich nach Sicherheit und will amerikanische Werte gelebt sehen, besonders aber Stärke. Bush wird deshalb diesen Werten in einer zweiten Amtsperiode noch mehr huldigen und allen hohnsprechen, die einen versöhnlicheren, liberaleren Präsidenten erwarten. Er wird für die Geschichtsbücher arbeiten, die nach seiner Auffassung Standfestigkeit, Klarheit und das religiös-konservative Weltbild belohnen werden.

Die Mehrheit in den USA teilt diese Werte und stellt Bush sogar einen Kongress zur Seite, mit dem der Präsident in den kommenden Jahren das Land nachhaltig prägen kann. Die klassische Kontrollfunktion des amerikanischen Systems -- Kongress und Weißes Haus in der Hand der konkurrierenden politischen Lager --, diese Funktion ist wieder außer Kraft gesetzt. Amerika mag es eindeutig. Bushs zweite Amtszeit also wird die USA verändern, weil sich der Präsident in seinem Kurs bestätigt sieht: Er hat den Kritikern getrotzt und wurde belohnt. Deswegen wird er seinen Weg fortsetzen. Die Demokraten dürften dem Präsidenten dabei nicht im Weg sein. Der Partei stehen Monate der Selbstzerfleischung bevor.

Amerika ist vielen Beobachtern gerade in Europa fremd geworden. Die Wahl hat diesen Eindruck nur bestärkt. Bush wird keine kurze Episode in der Geschichte geblieben sein, er steht für die Mehrheit eines Landes, das seine politische Spaltung zum Konzept und den Lagerkampf zum Volkssport erklärt hat. Amerika erträgt in seiner Größe diese Spannung. Die Außenwelt jedoch nicht. Sie ist infiziert mit dem Bush-Bazillus, der spalterisch und fordernd daherkommt.

Es besteht deshalb die wirkliche Gefahr, dass die Polarisierung Amerikas auch in der übrigen Welt ihre Fortsetzung findet und gar noch gesteigert wird. Eine Versöhnung mit den USA unter Bush scheint für viele Nationen, vor allem in Europa und natürlich in der arabischen Welt, undenkbar zu sein. Rückzug und wechselseitige Missachtung aber wären die schlimmsten Reaktionen auf das Wahlergebnis. Es ist eine historische Binse, dass Amerikas Rolle in der Welt positiv und gewinnbringend sein kann. Und die Wahlkampfmonate haben bewiesen, dass in den USA heftiger als sonst irgendwo auf der Welt um die richtige Politik gerungen wird, dass der politische Wettbewerb also funktioniert.

Doch Bush steht trotz seiner großen innenpolitischen Macht vor schwierigen Jahren. Der Berg an Problemen, den er selbst angehäuft hat, ist gewaltig. Nun muss er ihn auch erklimmen. Die Welt muss ihm dabei ein kritischer und fordernder Partner sein. Denn Amerika ist mehr als sein Präsident.

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Eine Version dieses Textes erschien am 4.November 2004 in der Meinungsseite der Sueddeutschen Zeitung - click here.
This essay appeared in the November 12, 2004, AICGS Advisor.
For the English version, please click here.
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The views expressed in this article are those of the author(s) alone. They do not necessarily reflect the views of the American Institute for Contemporary German Studies.


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