Grenzen der Macht
By John Kornblum

Unser Konzept von globalem Management wird den Bedürfnissen weltweit nicht mehr gerecht
Der Tod von Boris Jelzin markiert den symbolischen Endpunkt der ersten Phase auf der Suche nach einer neuen Weltordnung nach dem Kalten Krieg. Sein Ableben ereignete sich fast taggenau zehn Jahre, nachdem die Hoffnungen auf eine Fortführung des bestehenden Nachkriegsmodells mit dem Beitritt Russlands in den Klub der führenden Industrienationen beim G7-Gipfels in Denver ihren Höhepunkt fanden.
Jelzin wurde seinerzeit herzlich vom damaligen Gastgeber, Bill Clinton, in Anerkennung seiner Leistungen um die Integration der neu entstandenen Russischen Föderation, zum Treffen der führenden Wirtschaftsnationen eingeladen. Ranghohe Wirtschafts- und Finanzpolitiker, wie der damalige US-Finanzminister Robert Rubin waren allerdings der Auffassung, dass Russland noch nicht bereit für eine Managementrolle unter den westlichen Industrienationen sei. Andere hingegen vertraten die genau gegenteilige Meinung. Sie meinten, die wachsende Rolle der G7-Staaten könnte nur durch einen Beitritt Russlands gesichert werden. Als Resultat wurde der jungen Republik eine Sonderrolle angeboten: Von den Wirtschaftsgesprächen blieb sie ausgeschlossen.
Unabhängig von diesem Schönheitsfehler gestaltete sich das Denver-Treffen positiv. Großbritanniens Premierminister Tony Blair präsentierte dort seine Vision des „Dritten Weges", der die Kräfte des Marktes an ein soziales Bewusstsein binden sollte. Die Situation auf dem Balkan näherte sich einer Verhandlungslösung und die New Economy nahm Fahrt auf. Russlands Finanzkrise lag noch zwölf Monate in der Zukunft, und so konnten die Anwesenden mit gutem Recht davon ausgehen, die Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg erfolgreich gemeistert zu haben. Sie waren überzeugt, dass die G7/8-Staaten die globalen Wirtschaftskoordinatoren des 21. Jahrhunderts werden würden.
Der Kontrast zwischen der Aufbruchstimmung in Denver und den Spannungen, die dem G8-Gipfel in Heiligendamm in diesem Jahr vorauseilen, könnte größer nicht sein. Er beweist, wie verfrüht die Erwartungen vor zehn Jahren gewesen waren.
Nach den Umbrüchen, die dem 11. September, dem Krieg im Irak und dem Kampf gegen den Terrorismus folgten und mit den Herausforderungen, die der Klimawandel an uns alle stellt, ist auch die Frage nach der Daseinsberechtigung der G8 ständig lauter geworden. Wo bleiben China, Indien und Brasilien? Ist Putin ernsthaft an einer Partnerschaft interessiert? Wie kann diese Gruppe von Vertretern der Old Economy ernsthaft die Interessen der vielen neuen Spieler in einer globalisierten Wirtschaft zum Nutzen aller vertreten? Tausende von Demonstranten allerdings glauben immer noch, dass die G8 tatsächlich über Einfluss verfügt, den sie bekämpfen müssten. Daher wurde Heiligendamm in eine Festung verwandelt.
Vor nur fünf Jahren erklärte der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer, dass zu den wichtigsten Zielen deutscher und europäischer Außenpolitik gehören sollte, den Multilateralismus fest zu verankern. Aber je schneller die Globalisierung bis in die entferntesten Winkel der Erden fortschreitet, desto schwerer wird es, alle Länder und deren Interessen in ein kleines wohlorganisiertes Schubfach zu sortieren. Weder ambitionierte Entrepreneure, noch nationalistische Dissidenten lassen sich von Autoritäten, wie den führenden Industriestaaten oder den Vereinten Nationen ihren Weg vorschreiben.
Wie also konnten unsere sorgsamen Planungen für ein geordnetes multilaterales Management in der heutigen Zeit so wirkungslos verpuffen? Sind wir Opfer unserer eigenen Erfolge geworden? Die Kräfte, die wir sowohl durch den technologischen Fortschritt als auch durch das Ende der nuklearen Konfrontation frei gesetzt haben, zeigen, dass hierarchische Organisationsformen in der freien Wirtschaft und im staatlichen Sektor schnell an Grenzen stoßen.
„Wir sind im Zeitalter der Irrationalität gelandet", sagt Francois-Henri Pinault, Vorstandsvorsitzenden der französischen PPR-Gruppe. „Und wir sind erst am Anfang des Wertewandels, der noch Jahre andauern wird. Man muss sich nur vor Augen halten, dass das Zeitalter der Rationalität über ein Jahrhundert angedauert hat."
Das Kyoto-Protokoll beispielsweise stellt beispielhaft eine rationale Herangehensweise an die Problematik der Treibhauseffekte dar. Mit dem nicht unwesentlichen Problem, dass den betroffenen Milliarden von Menschen, deren Existenz von dem Ausstoß dieser Gase betroffen ist, nie eine wirklich entscheidende Rolle in dem Prozess zugebilligt wurde.
Unser Konzept von globalem Management wird den Bedürfnissen weltweit einfach nicht mehr gerecht. Veränderungen passen nicht in unsere traditionellen Hierarchien. In diesem Zusammenhang sind auch die von US-Präsident George W. Bush viel beschworene Koalition der Willigen im Irak Konflikt, oder die Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden Ausdruck dieses neuen Phänomens.
Henry Kissinger hat genau dies schon mehrfach betont: Immer wenn neue internationale Akteure die Bühne betreten, bröckelt die alte Ordnung. Die Auswirkungen, die der Beitritt Deutschlands, der Vereinigten Staaten und Russlands in den Klub der führenden Industrienationen hatten, waren signifikant. Weitere Umbrüche ergaben sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor dem Hintergrund der Entkolonialisierung.
Heute sind wir erneut am Ende einer Phase dauerhafter Stabilität angelangt. Vor uns liegen Pluralismus, durchlässige Strukturen und dramatische Veränderungen. Regierungen und Unternehmen müssen sich von alten Denkschablonen und alten Ordnungen verabschieden: Sie werden nicht mehr in der Lage sein, sämtliche Entwicklungen zu kontrollieren. Jetzt müssen sie lernen, neue Entwicklungen abseits alter politischer Pfade aufzugreifen und mit ihnen zu wachsen. Pinaults Bild von einem Zeitalter der Irrationalität subsumiert das Ausmaß der Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Demokratie und Rechtsstaat ersetzten selbstherrliche, autokratische Regierungsformen im 19. Jahrhundert. Unsere heutigen Institutionen spiegeln unser Verständnis von Multilateralismus wider. Es ist wesentlich eine Reaktion auf die Folgen des Zweiten Weltkrieges.
Motiviert durch eine Mischung des amerikanischen Idealismus Woodrow Wilsons und europäischer Rechtslehre vertraten die Staatsmänner der Nachkriegszeit die Auffassung, dass Europa und die Vereinigten Staaten eine verbindliche, demokratische Weltordnung schaffen sollten, um Aggression und Nationalismus endgültig zu überwinden. So entstanden die Vereinten Nationen, das Weltwährungssystem nach Bretton-Woods, die Nato und auch die EU.
Die Spielregeln dieses Systems basierten auf den Werten, aber auch auf den Zielen der großen, führenden Industriestaaten. Durch die Disziplin, die uns im Kalten Krieg auferlegt wurde, war es möglich, diese Spielregeln immer wieder durchzusetzen. Aber das Ende des Kalten Krieges führte zu einer neuen, diffusen Lage.
Mit der Ausweitung der EU und der Nato, zum Beispiel, hat sich die atlantische Gemeinschaft nicht nur rasant vergrößert. Sie stellt nun ein Netz verschiedenster Völker und Gesellschaften dar, die sich alle demokratischen Prinzipien verpflichtet sehen, aber nicht notwendigerweise die gleichen Ziele verfolgen. In dem Maße, in dem wir uns von der Weltordnung, bestimmt durch den Kalten Krieg, verabschieden, wenden sich sogar europäische Betrachter, die den bestehenden Spielregeln nicht mehr folgen wollen, schon lockeren altbekannten Modellen zu, wie beispielsweise der Hanse.
Dies alles sind revolutionäre Gedanken, besonders für Europäer und Amerikaner. Der politische und psychologische Heilungsprozess nach all den Kriegen und Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert setzte Formen geregelter multilateraler Zusammenarbeit voraus. In Europa konnte so der Nationalismus überwunden werden. Für Amerika bedeuteten diese Entwicklungen das Ende der Isolationspolitik. Gemeinsam entwickelte sich der westliche Führungsanspruch in wirtschafts- und sicherheitspolitischen Fragen weltweit. Daher ist es auch vollkommen verständlich, dass die G7-Staaten den damaligen Präsidenten Russlands, Boris Jelzin, mit Freude in ihren Klub einluden. Denn dieser Schritt Jelzins symbolisierte die Akzeptanz der Regeln des Westens.
Im Jahre 2007 verunsichert uns sein Nachfolger Wladimir Putin, indem er klar vermittelt, dass diese Regeln nicht mehr länger für seine Nation gelten. Er steht mit dieser Opposition nicht alleine. Einige neue Mitglieder der EU haben sich ihm bereits angeschlossen, wie auch zahlreiche Länder und Bewegungen, die nicht der westlichen Staatengemeinschaft angehören. All diese Entwicklungen werden natürlich nicht zur Abschaffung von alten Institutionen führen, auch läuten sie nicht das Ende des Multilateralismus ein. Aber es werden sich doch neue Wege, Lösungen und Strukturen entwickeln.
Zukünftige internationale Zusammenarbeit wird nur noch erfolgreich sein, wenn sie auf der Basis sich ständig wechselnder Koalitionen folgt. Industriekonzerne und Finanzinstitute werden zunehmend Regierungen in der Findung praktikabler Lösungen ihrer Probleme beistehen. Marktorientierte Wege werden zunehmend den bisher gängigen institutionalisierten Handelsverträgen den Rang ablaufen. Eine neue Art globaler Corporate Citizenships wird aller Voraussicht nach das Resultat dieser Entwicklungen sein, die Produktion und Kapital mit den drängenden politischen und sozialen Herausforderungen abgleicht, methodisch eher einer Gewinn- und Verlustrechnung ähnelnd, als den allseits bekannten Regierungsprogrammen.
Ein wirklich guter Weg ist der, den Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer transatlantischen Marktinitiative eingeschlagen hat. Sie fasst eine große Gruppe transatlantischer Nationen in einem kooperativen Prozess zwischen Regierungen und Wirtschaft zusammen. Diese Initiative baut keine neuen Abhängigkeiten auf, außer natürlich denen, die der Markt selber bestimmt.
Auch in der Implementierung einer solchen neuen Struktur sollen wir neue Wege gehen, unterschiedliche Formen der Umsetzung in einzelnen Ländern sind möglich. Es wird offizielle Verträge ebenso geben, wie informelle Absichtserklärungen und Übereinkünfte. Die Bedingungen, die einem Beitritt vorgeschaltet sind, werden verschlankt und undurchdringbare Mauern und Barrieren wird es zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern der Gemeinschaft nicht länger geben.
Da ein Erfolg einer solchen Gemeinschaft eher an Ergebnissen gemessen werden muss, als an der Funktionalität der dazugehörigen Verwaltung, wird man sie eher als ein Open-Source-Projekt zu verstehen haben, wie in der Softwarebranche üblich. Und genau solche Open-Source-Netzwerke werden aller Wahrscheinlichkeit die Basis für die nächste Phase globaler Entwicklungen nach dem Kalten Krieg darstellen.
Wichtig ist es, die philosophische Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Open-sourcing darf nicht moralisch neutral werden. Wenn Freiheit und Demokratie die Zukunft bestimmen sollten, müssten die Prinzipien der Uno-Charta bestimmend bleiben. Dieses Ziel zu verwirklichen wird das neue gemeinsame Fundament der Altantischen Welt werden müssen. Offenheit und Pragmatismus ja. Aber geleitet durch ein festes Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung.

Ambassador John Kornblum is a former U.S. Ambassador to Germany, an AICGS Trustee, and Chairman of Lazard and Co. GmbH.
This essay originally appeared in the May 29, 2007, edition of Handelsblatt, and in the June 8, 2007, AICGS Advisor.
To read this essay in English, please click here.
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