Den Druck der Wirtschaft spürt die Politik
By John Kornblum

Es rächt sich,dass der Draht zwischen den Entscheidern in den Parlamenten und den Chefetagen hierzulande nie sehr eng war
In den 50ern, ich wohnte als kleiner Junge in Detroit, war unser Held "Engine Charlie Wilson", der damalige CEO von General Motors. Eine seiner bekanntesten Aussagen war: 'Was gut ist für General Motors, ist gut für Amerika'. Und wir alle waren seiner Meinung. Heute würden nur noch sehr wenige Detroiter eine solche Prahlerei unterstützen, denn General Motors und Ford schließen Fabriken und bauen in drastischem Umfang Mitarbeiter ab.
In Deutschland sind die jüngste Insolvenz von BenQ-Siemens oder auch die Kontroverse um Airbus dramatische Symptome eines wachsenden Problems: Zunehmende Verärgerung der Menschen über Unternehmen, die sich - in der Regel als Folge der Globalisierung - zu massiven wirtschaftlichen Restrukturierungen mit schwerwiegenden sozialen Folgen veranlasst sehen.
Deutsche Politiker sehen sich heute zwischen zwei Polen gefangen. Auf der einen Seite stehen die Unternehmen, die sich zu Kosteneinsparungen gezwungen sehen, auf der anderen wütende Wähler, bedroht von Fabrikschließungen und Jobverlusten.
Die Reaktion der Politiker hierauf, nicht nur der linken, ist jeden Tag nachzulesen. Selbst Mitglieder der CDU fordern angesichts der Folgen der Globalisierung mehr soziale Gerechtigkeit. Dabei ist es kein Zufall, dass diese Forderungen gerade von den Ministerpräsidenten Nordrhein Westfalens und des Saarlands gestellt werden - zweier der Old Economy verhafteter Bundesländer.
Politiker aus allen Teilen Deutschlands berichten von größtem Interesse der Wähler an einer stärkeren Einflussnahme der Politik auf Unternehmensentscheidungen. Ein Amtsträger erklärte kürzlich, dass der Wunsch der Wähler nach einer stärkeren politischen Kontrolle der Globalisierung das zentrale Thema auf den politischen Veranstaltungen war, an denen er in letzter Zeit teilnahm. Er sagte: 'Wir werden von dieser negativen Stimmung mit einer Massivität konfrontiert, die ich noch nie erlebt habe.'
Es scheint, als ob zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Gros der deutschen Gesellschaft - Arbeiter und Mittelschicht - befürchtet, dass das Handeln von Großunternehmen nicht mehr das Fundament ihres Wohlstandes bildet, sondern stattdessen ihren Lebensstandard bedroht. Bis dato ist es weder Politikern noch Unternehmensführern gelungen, diese Sorge zu entkräften.
Die Beziehungen zwischen den führenden Repräsentanten der Wirtschaft und den Politikern waren in Deutschland nie sonderlich eng. Aber angesichts des aktuellen Drucks entwickelt sich der ohnehin dürftige Dialog zwischen Wirtschaft und Politik zu einer lautstarken und unfreundlichen Auseinandersetzung.
Viele der Wirtschaftsvertreter, mit denen ich spreche, bemängeln, es sei einfach nicht möglich, Politikern begreiflich zu machen, dass der gegenwärtige Restrukturierungsprozess auch zum Wohle Deutschlands geschieht. Die wiederholte Äußerung dieser Überzeugung führt nicht selten zu bitteren Erwiderungen der Politik: „Die sollten mehr an Deutschland denken als an ihre hohen Gehälter", war die jüngste Reaktion eines führenden CDU-Politikers.
Politikwissenschaftler vertreten seit Jahrzehnten die Ansicht, dass in den westlichen Ländern die Zeiten klarer politischer Mehrheiten vorüber sind. Die Bürger glauben längst nicht mehr, dass nur eine einzige Partei sie vor den Herausforderungen des Wandels bewahren kann. Sie fürchten um ihre Existenz. Als Folge streuen sie ihre Wahlentscheidungen, einem vernünftigen Aktieninvestor vergleichbar, und hoffen so dramatische Veränderungen zu verhindern.
Es liegt im gemeinsamen Interesse von Regierung und Wirtschaft, dass sich die Auseinandersetzung in der politisch-ökonomischen Debatte nicht verschärft. Aber sich mit den Ängsten der Bevölkerung auseinander zu setzen, erfordert mehr, als die simple Bereitschaft zu einem offeneren Dialog. Weder die Politik noch die Unternehmen werden ohne ein neues Vokabular, das einen klareren Einblick in die globalen Veränderungen ermöglicht, die wachsende Verunsicherung bei den Bürgern bewältigen.
In der Vergangenheit war die Produktion stets nah bei den Rohstoffvorkommen und Absatzmärkten angesiedelt, um Produkte schnell auf den Markt bringen zu können. In einer Welt global integrierter Unternehmen verlieren aber die Faktoren „Zeit" und „Standort" - bislang verlässliche Koordinaten westlicher Wirtschaften - ihre Bedeutung, behauptet Sam Polisario, der CEO von IBM.
Ressourcen werden künftig über globale Netzwerke verteilt und neue, schnelle Kommunikationsmittel ermöglichen es Unternehmen, eine Vielzahl parallel operierender Produktions- und Vertriebsstandorte aufzubauen. In dem Maße, in dem Betriebe lernen, über Zeitzonen und Ländergrenzen hinweg zu arbeiten, wird die Bewahrung der Beschäftigung an althergebrachten Produktionsstandorten schwieriger.
Wirtschaft und Politik werden die Folgen, die alleine diese Veränderung für jeden Bestandteil des Wirtschaftskreislaufs - von Ausbildung und Innovation über die Kapitalmärkte bis hin zur Flexibilität von Produktion und Arbeit - auslösen wird, einkalkulieren müssen. Das Argument, soziale Gerechtigkeit habe einen größeren Stellenwert als Freiheit, ist angesichts des Verfalls der traditionellen Wirtschaftsordnung von geringer Relevanz. Ohne ein breites kulturelles Verständnis dafür, welchen positiven Einfluss der Wandel der Weltwirtschaft auf den künftigen Wohlstand und letztendlich auch die soziale Gerechtigkeit haben kann, könnten sich alle Wirtschaftsreformen als sinnlos erweisen.
Selbst wenn alle heute diskutierten Reformen letztlich umgesetzt würden, mangelte es den meisten Ländern am notwendigen Instrumentarium, um sie optimal in das neuartige Kräftespiel der globalisierten Welt einzupassen. Die bestehenden Kommunikationswege zwischen Regierung, Arbeitswelt, Bildung und Industrie würden es verhindern. Gebraucht wird daher eine neuartige "public-private partnership" zwischen öffentlichen Institutionen und Unternehmen, deren Zweck es sein muss, wirksame Instrumente für die erfolgreiche Umsetzung von neuen wirtschaftlichen Strukturen bereitzustellen.
An dieser Forderung ist nichts revolutionär. So haben kleinere Nationen, wie zum Beispiel die nordischen Länder oder die so genannten Tiger-Staaten in Asien, gelernt. Aber die großen Industrienationen tragen so viele Altlasten, dass sie härter für eine Anpassung an die Realität der Globalisierung arbeiten müssen. Tun sie es nicht, werden die Rufe der Öffentlichkeit nach noch radikaleren Lösungen, die letztlich alles schlimmer machen, immer lauter werden.

Ambassador John Kornblum is a former U.S. Ambassador to Germany, an AICGS Trustee, and Chairman of Lazard and Co. GmbH.
This essay appeared in the January 18, 2007, AICGS Advisor. This version appeared in the December 20, 2006, Süddeutsche Zeitung, and an English translation is available by clicking here.
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