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Der ungeliebte Sieger
By Dr. Josef Joffe

George W. Bush hatte zwei große Wahlhelfer -- John Kerry und den Krieg gegen den Terror

Fast wäre John F. Kerry im Finish davongezogen. Deutlich im Rückstand wie Schröder hinter Stoiber 2002, begann er vor vier Wochen aufzuholen -- bis zum Gleichauf. Und dann das sicherste Omen: Nach 86 fluchbeladenen Jahren katapultierten sich die Boston Red Sox, Kerrys Heimteam, in die Baseball-Meisterschaft -- zum ersten Mal seit 1918! Dieser Fingerzeig musste bedeuten: Bye-bye, Bush II., es lebe JFK II., trägt doch Kerry dieselben Initialen wie John F. Kennedy.

Die Haruspexe lagen abermals falsch, die Götter grinsen. Und die Europäer sind bitter enttäuscht. George W. Bush bleibt Präsident, das meldeten am Mittwochmorgen die ersten US-Nachrichtensender. Der Familienfluch, der ihn zu erdrücken schien, ist in letzter Minute verflogen. Der erste Bush hatte ebenfalls einen Irak-Krieg gewonnen, doch versank der Sieg in der Rezession. Gerade weil der Krieg vorbei war, konnten die Amerikaner wieder nach Kontostand wählen, und der gab den Ausschlag für Bill Clinton.

Des Sohnes Sieg ist umso erstaunlicher, als er eigentlich ins texanische Crawford hätte verbannt werden müssen, um von dort sein liebstes Amt anzustreben: das des Baseball-Commissioners. Der ist in Amerika noch machtvoller als in Deutschland DFB- und NOK-Chef in einem. Für George W. Bushs Abgang sprachen drei klassische Gründe.

Krieg: Der Sieg von 2003 lässt keinen Frieden erblicken. Über tausend Tote ließen sich noch verkraften, nicht aber ein Dauerkrieg gegen unsichtbare Feinde, die systematisch die demokratische Zukunft des Iraks zerschlagen, indem sie deren Träger -- Beamte, Polizisten, Soldaten -- ermorden. Dass sich W. bei den Waffen (wie sämtliche Geheimdienste des Westens) geirrt hatte, mochte ihm das Wahlvolk noch verzeihen. Aber einen fruchtlosen, frustrierenden Krieg in einem fernen Land, das Amerikas Sicherheit nicht bedroht?

Wirtschaft: Das ökonomische Omen für den zweiten Bush war zwar längst nicht so böse wie für den Vater 1992, aber nicht freundlich genug. Die Wirtschaft wächst zwar mit 3,8 Prozent schneller als jede andere (außer der chinesischen). Doch nicht schnell genug: Noch immer gibt es heute weniger Arbeitsplätze als zu Bushs Amtsantritt im Januar 2001. Dass sich unter Bush ein Haushaltsüberschuss von 2,4 Prozent des Sozialprodukts in ein Defizit von vier Prozent verwandelt hat, sprach ebenso gegen Bush II. wie der sinkende Dollar-Kurs und der explodierende Ölpreis.

Die Person: Bush hat zwar, anders als Kerry, eine Vision und eine Überzeugung, aber er kann sie nicht ausdrücken. Freundlich umschrieben: Seine Stärke ist die rasche Entscheidung wie im Afghanistan- und Irak-Krieg, nicht aber die Redegewalt eines Churchill. Warum dieser Krieg? Warum dieses Horror-Defizit, warum ein 40-Prozent-Plus bei den Staatsschulden? Und wo ist die Morgenröte? Beim Papa mangelte es am » vision thing«, beim Sohn an der Überzeugungskraft.Und doch, trotz all dieser Mühlsteine, die eigentlich für zwei Niederlagen gereicht hätten, darf W. weiter mietfrei im Weißen Haus bleiben. Warum? Und was bedeutet sein Sieg?

Bushs beste Verbündete waren die beiden K: Kerry und, trotz aller Zweifel, der Krieg. Kerry sah zwar aus wie die ideale Präsidentenbesetzung, war auch debattenfester als Bush, aber die Leute haben längst gelernt, dass auf Wahlkampf-Rhetorik kein Verlass ist. Sie suchten die Berechenbarkeit und Vertrauenswürdigkeit, die ihnen der abgehobene, allzu geschmeidige Kerry nicht vermitteln konnte. Zu oft hat er seine Positionen vertauscht oder verschleiert. Er hatte gegen den ersten Golfkrieg gestimmt, obwohl der von einem UN-Mandat und einer weltweiten Koalition abgesegnet worden war, dann aber für den zweiten votiert, obwohl dem beide Gütesiegel fehlten. Und jetzt?

Kerrys Standard-Floskel lautete: »Falscher Krieg am falschen Ort zur falschen Zeit.« Gleichwohl ließ sich seine Position kaum von der bushistischen unterscheiden -- so wenig sogar, dass Bush lästerte: »Er schlägt genau das vor, was wir schon machen.« Die Wähler haben es Kerry nicht abgenommen, dass er die europäischen Kriegsgegner in den Irak-Krieg ziehen könnte; sie sind schlau genug, um zu wissen, dass Berlin und Paris nicht die Gefolgschaft verweigert haben, weil Bush so ein Ekel sei.

Krieg und Terror: Die Amerikaner haben nur einmal einen Präsidenten im Krieg ausgewechselt -- Truman gegen Eisenhower, 1952 während des Korea-Krieges. So schlecht es im Irak auch läuft, glaubten die Wähler nicht, dass Kerry der bessere Kriegsherr sei. In den Umfragen haben sie immer wieder bekundet, dass sie dem Präsidenten im Anti-Terror- wie im Irak-Krieg mehr zutrauen als seinem Herausforderer -- obwohl sie Letzterem die bessere Wirtschaftspolitik zuschrieben (wie 1992 auch Clinton gegenüber Bush senior).

Und der europäische »Wähler«? Er hätte gewiss zu 80 Prozent für den Ostküsten-Grandseigneur Kerry gestimmt, aber nun muss er es weitere vier Jahre mit dem ungeliebten, ja verhassten Bush aushalten. Nur einen schwachen Trost gibt es: Im Ton, im Stil hätte sich Amerikas Außenpolitik zwar unter Kerry verbessert, aber kaum in der Substanz. Auch ein anderer Wahlausgang hätte nicht an den beiden Hauptgründen der Entfremdung gerüttelt: an dem wachsenden Machtgefälle und dem alles überragenden Gefühl Amerikas, Hauptziel des islamistischen Terrors zu sein. Die Bedrohung erfordert ein anderes Verhalten, als es die Europäer auf ihrem friedvollen Kontinent gewöhnt sind, der gewaltige Machtvorsprung Amerikas scheint just die Alleingänge zu erlauben, die den Europäern solch ein Gräuel sind. Kerry oder Bush -- Amerika bleibt die eine und einzige Supermacht.

Wird die zweite Amtszeit einen freundlicheren Verlauf nehmen als die erste? Mag sein, dass Bush Don Rumsfeld, den Herrn der Sprüche, auswechselt, vielleicht sogar gegen den jetzigen Außenminister Colin Powell. Aber es hieße, den Wesenskern von W. zu missdeuten, ihm jetzt Läuterung statt nur Ernüchterung zu unterstellen. Bush ist nicht der Mann, der Reagan war -- der antikommunistische Eisenfresser, der sich in der zweiten Amtszeit zum Engros-Abrüster und Gorbatschow-Freund mauserte.

Und doch müssen wir uns wünschen, dass Bush aufhört, Bush zu sein. Das heißt: weniger hochfahrend und selbstgerecht, mehr zu- und hinhörend, und zwar im ureigenen Interesse. Denn was immer Amerika in den nächsten vier Jahren anstrebt, erfordert verlässliche, hilfsbereite Freunde, und die wünschen nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch Respekt. Wie sonst will Bush das iranische und nordkoreanische Atomwaffenprogramm stoppen, den Dollar retten, den Terror besiegen, das irakische Demokratieprojekt (das auch in Europas Interesse ist) vor der Blutrünstigkeit seiner Feinde bewahren? Wenn Bush aber nicht auf Europa ein- und zugehen will, sollte er dem eigenen Volk aufs Maul schauen. Das wünscht sich merkwürdigerweise laut einer allerjüngsten Umfrage mit 87 zu 9 Prozent, dass Amerika »mit den UN zusammenarbeitet, um internationale Gesetze gegen den Terrorismus zu stärken«.

Zudem: Jede andere Umfrage hat bestätigt, dass die Amerikaner am liebsten zusammen mit einer Vielzahl von Verbündeten in einem Boot säßen, um welchen Sturm es sich auch immer handeln mag. Auch die größte demokratische Macht auf Erden will nicht allein sein. Kerry hat es geahnt, Bush muss es noch immer lernen.

 

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This essay previsouly appeared in the German newspaper Die Zeit Nr. 46 on November 4, 2004.
It appeared in the November 12, 2004, AICGS Advisor.
For the English version, please click here.
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The views expressed in this essay are those of the author(s) alone and
do not necessarily reflect the views of the American Institute for Contemporary German Studies.


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