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Grass und der Antiamerikanismus
By Hendrik Hartenstein

Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat vor kurzem eingeräumt, in den letzten Kriegsmonaten (1944/45), selbst erst siebzehnjährig, Mitglied der sogenannten Waffen-SS gewesen zu sein - und nicht nur Flakhelfer, was schon zuvor bekannt war. Seither wird debattiert. Einige fühlen sich getäuscht, andere verteidigen seine Integrität. Viele erleichtert es, daß der große Moralist und Mahner nun - aufgrund eigener Fehler und Fehlbarkeit - selbst in die Kritik gerät.

Denkbar wäre der Fall, daß ein Grass älteren Jahrgangs zu Beginn der NS-Zeit der Ideologie gefolgt wäre und erst kurze Zeit später, aber noch „früh genug", seinen Irrtum erkannt hätte. Aber bei Grass, für diesen Fall zu jung, lief es anders herum. Nachdem das NS-Regime bereits elf Jahre Menschen vernichtet hatte, schloß er sich noch für ein letztes halbes Jahr der scheinbar erfolgreichsten Abteilung an.

Denkbar wäre, daß einer aus Grass' Generation nach dem Krieg nicht nur auf sein jugendliches Alter verwiesen hätte, sondern den geschichtlichen Umgang mit der NS-Zeit in einer Weise betrieben (und dabei die eigene Verstrickung und die anderer moralisch relativiert) hätte, daß es hätte leicht fallen können, von einer Mitgliedschaft in der SS zu berichten. Aber das Gegenteil ist hier der Fall. Es mußte Grass schwer fallen, dies einzuräumen. Wer damals und derart mitgelaufen war, hatte sich aus seiner Sicht schuldig gemacht. Und so schuldig wollte Grass nicht sein.

Grass berichtet im Rückblick, wie er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft plötzlich den Rassismus eines weißen gegenüber einem schwarzen Soldaten erlebt habe. Seine moralische Überheblichkeit, Verachtung und auch eigene Entlastung auf Kosten der USA durchzieht seit jeher seine Kritik am „amerikanisierten" Westen.

Die Nazis waren antibürgerlich und antiamerikanisch gewesen, und Grass ist es bis heute geblieben. Er fragt im Jahr 2001 als erstes nach der Schuld des Westens, wenn dieser von Terroristen angegriffen wird. Er spricht sich scharf dagegen aus, wenn Amerika Krieg gegen die Faschisten von heute führt. Aber er ist nicht einfach gegen Krieg, sondern vor allem: er „begehrt, nicht Schuld daran zu sein"!

Antiamerikanismus wird heute in Deutschland gerne relativiert mit dem Hinweis, es habe ihn „schon immer" gegeben und er sei seit langem nur noch eine Randerscheinung. Aber damit verkennt man, daß der Antiamerikanismus von heute eng verknüpft ist - nicht mit der US-Außenpolitik, sondern - mit deutscher Geschichte. In der Generation von Grass gibt es Antiamerikaner, die den gleichen - oft klein- oder antibürgerlichen - Impulsen folgen wie die Nazis. Diese Generation ist dem falschen Regime gefolgt und von einem freien Amerika besiegt worden. Das Regime konnte nur gegen heftigen Widerstand, besonders aus der SS, niedergekämpft und beiseite gefegt werden. Ihre politische Freiheit haben sich die Deutschen auch 1945 nicht selbst erkämpft.

Und in der nachfolgenden Generation, den Kindern der Nazi-Mitläufer, den Regierenden von heute, gibt es noch immer viele, die dies nicht nur als Schmach empfinden, sondern auch ihr Prestige gegenüber den Amerikanern endlich wiedergewinnen wollen. Die früher ihre Kritik am Faschismus im gleichen Satz mit ihrer Kritik an Amerika verbanden. Heute machen sie daraus zwei Sätze.

Daß Amerika seit diesem Krieg die Demokratisierung der Bundesrepublik ebenso wie die europäische Integration gefördert hat, daß Amerika für die Deutschen gegen den Widerstand ihrer europäischen Nachbarn die Einheit errungen und sie anschließend sogar als partner in leadership (unter Bush sen.) und UN-Sicherheitsratsmitglied (unter Clinton) gewinnen wollte - das alles war nicht genug. Oder vielleicht war es auch zu viel. Womöglich zu idealistisch. Die Ressentiments vieler Deutscher sind wieder da und kommen immer stärker zum Vorschein - nicht nur, und wie seit jeher, in Grass' Beiträgen.

Wer in Deutschlands bombardierten Städten oder gar auf der Flucht Opfer des Krieges wurde, muß darüber reden und schreiben können, frei von Schuldgefühlen. Auch Grass hat vor ein paar Jahren mit seinem Roman „Im Krebsgang" zu diesem Teil der „Vergangenheitsbewältigung" beigetragen. Diese Aufklärung muß sich aber nicht gegen die Amerikaner, sondern wider die Schranken der eigenen Kultur durchsetzen. Es gibt keinen Grund, diese Erfahrungen nun gegen die USA (oder gar gegen Israel) ins Feld zu führen - weder in Form von schlechten strategischen, noch von selbstgerecht-moralischen Überlegungen.

Es wäre schön, wenn die Deutschen, auch die Jüngeren, die gerade versuchen, ein unbefangeneres Verhältnis zu ihrem Land zu entwickeln, dies nicht auf Kosten der Amerikaner tun würden.

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Hendrik Hartenstein is a former DAAD/AICGS Fellow.

To read a translated version of this essay in English, please click here.

This essay originally appeared in the August 31, 2006 AICGS Advisor.

 



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