Liebe Leserinnen und Leser
By Stefan Baron

Mit diesem Editorial möchte ich mich von Ihnen verabschieden. "Abschiedsworte", so Theodor Fontane, "müssen kurz sein - wie eine Liebeserklärung". Machen wir es also kurz - obwohl auf eine lange Zeit zurückzublicken ist.
16 Jahre lang war ich Chefredakteur dieser Zeitschrift. Es waren gute Jahre, nicht nur, aber auch und nicht zuletzt, weil es erfolgreiche Jahre waren. Sehr erfolgreiche sogar.
Nicht allein konnten wir viele neue Leserinnen und Leser gewinnen und die WirtschaftsWoche zu Deutschlands führendem Wirtschaftsmagazin machen, das auch international Beachtung findet - bis hin ins ferne China. Anfangs gegen starke Anfeindungen haben wir letztlich auch erfolgreich dafür gefochten, dass unser vom Wohlstand verwöhntes und darüber erstarrtes Land wieder flexibler wird, weltoffener, stärker leistungs- und wettbewerbsorientiert, kurz - liberaler.
So ist es gelungen, an eine lange und groβartige publizistische Tradition anzuknüpfen, die zwischenzeitlich schon verloren gegangen schien:
Am 1. Oktober 1926 kam in Berlin die erste Ausgabe von "Der deutsche Volkswirt" auf den Markt, aus dem 1949 "Der Volkswirt" und 1970 schlieβlich die WirtschaftsWoche wurde. Gustav Stolper, der Gründer und erste Chefredakteur, wollte "eine Kombination aus `Economist` und `Nation`". Sein Freund Joseph A. Schumpeter, damals Professor in Bonn und auf dem Weg, neben Freidrich A. Hayek und John M. Keynes einer der drei einflussreichsten Ökonomen des Jahrhunderts zu werden, hatte von Stolper gefordert, die neue Zeitschrift müsse "eine groβe Sache sein oder gar nicht".
Sie wurde eine groβe Sache. Stolper, heute kaum noch jemandem namentlich bekannt, war neben Theodor Wolff damals der prominenteste Journalist des Landes. Er prägte die öffentliche Diskussion in der Weimarer Republik entscheidend mit. Dennoch kamen 1933 die Nazis an die Macht, Stolper verkaufte seine Zeitschrift und wanderte in die USA aus. In seine alte Heimat kehrte er nur noch einmal zurück, 1947, als Mitglied einer amerikanischen Expertengruppe, die für Präsident Truman einen Plan zum Wiederaufbau Deutschlands erarbeiten sollte.
Gustav Stolpers Vorschläge wurden zu einer wichtigen Grundlage für den Marshallplan. Dessen Erfolg erlebte er jedoch nicht mehr. Ebenso wenig wie die Fortführung des "Deutschen Volkswirt" (jetzt ohne den Zusatz "deutsch") durch dessen ehemaligen Mitarbeiter Franz Reuter, der das KZ Sachsenhausen überstanden hatte, und die Wahl eines anderen liberalen Weggefährten, Theodor Heuss, zum ersten Bundespräsidenten der neuen Bundesrepublik Deutschland.
"Der Volkswirt" war wie sein Vorgänger - klein, aber fein. Er hat den Siegeszug der sozialen Marktwirtschaft angeführt von Ludwig Erhard nach dem Kriege wesentlich befördert.
Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen bin ich stolz darauf, dass wir in den vergangenen Jahren auch die WirtschaftsWoche zu einer starken liberalen Stimme in diesem Lande machen konnten. Ihr Vertrauen und Ihre Wertschätzung, liebe Leserinnen und Leser, haben das erst möglich gemacht. Und dafür bedanke ich mich heute von Herzen. Bleiben Sie der WirtschaftsWoche weiter gewogen!
Die gröβte Wirtschaftsmacht in Europa, die drittgröβte in der Welt, der Exportweltmeister braucht diese Stimme. Im Zeitalter der Globalisierung mehr denn je.
Die WirtschaftsWoche ist die Zeitschrift der ökonomischen Vernunft in diesem Lande - so wie es ihre Vorgänger waren. Das ist ihre Bestimmung, das ist ihr Markenkern und das ist ihr Erfolgsgarant.
In diesem Sinne wünsche ich ihr und Ihnen zum Abschied: Ad multos annos!

Stefan Baron is Global Head of Communications for Deutsche Bank AG and was Editor of WirtschaftsWoche for sixteen years. Mr. Baron is also on the AICGS Board of Trustees.
This essay originally appeared in the May 26, 2007, issue of WirtschaftsWoche. It appeared in the June 8, 2007, AICGS Advisor by permission of the author.
For an English translation of this essay, please click here.
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