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Nein nein, Herr Müntefering und Genossen!
By Stefan Baron

"Deutsch sein", schrieb Richard Wagner einst, "heißt, die Sache, die man treibt, um ihrer selbst willen treiben." Der deutscheste aller deutschen Komponisten hat seine Landsleute damit gewissermaßen als reine Ästheten charakterisiert, für die bekanntlich allein das Zwecklose schön ist.

Wie Recht Wagner mit dieser Beschreibung hatte, zeigt derzeit die von SPD-Chef Franz Müntefering losgetretene Kapitalismus- und Globalisierungskritik. Justament zu einer Zeit, da das Land auf die nächste Rezession zusteuert, ergehen sich die Deutschen in einer zwecklosen Debatte. Während andere Länder längst die notwendigen Schlussfolgerungen aus der Globalisierung gezogen haben und das Beste für sich daraus zu machen versuchen, verweigert sich Deutschland weiter der Realität, ja rebelliert sogar gegen sie.

Ließe der "Economist" heute, zwei Monate nach dem ersten, hypothetisch erneut ein Marsmännchen auf die Erde kommen, um die besten Investitionsstandorte zu prüfen, Deutschland käme gewiss nicht mehr in Betracht! Denn inzwischen -- Müntefering sei Dank? -- hat sich herausgestellt, dass der notwendige Mentalitätswandel hier zu Lande, Voraussetzung für unseren ökonomischen Wiederaufstieg, schon im Ansatz stecken geblieben ist. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass etwa zwei Drittel des Volkes Müntefering und Genossen beipflichten.

Dabei ist jedes einzelne Argument der Kapitalismus- und Globalisierungskritiker leicht entweder als Heuchelei zu durchschauen, zu entkräften oder zu widerlegen: Die "kurzfristige Profitmaximierung" vieler Unternehmen und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, so der Kern von Münteferings Kritik, deprimiere die Menschen und raube ihnen "das Vertrauen in die Demokratie". Sie reduziere den Arbeiter auf eine "bloße Funktion" und sei "menschenverachtend".

Warum aber verlieren die Menschen in anderen Ländern ihr Vertrauen in die Demokratie nicht, obwohl sie doch ebenso der Profitmaximierung und Globalisierung ausgesetzt sind? Könnte es vielleicht sein, dass nur die Deutschen diese Debatte führen, weil sie ganz andere Dinge deprimieren und an der Demokratie zweifeln lassen? Wie etwa die kurzfristige Stimmenmaximierung unserer Politiker, die den Wähler auf eine bloße Funktion reduziert? Oder was sollen die Menschen davon halten, wenn NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD), bis vor kurzem noch als relativ unideologischer Politiker bekannt, plötzlich von "Raubtierkapitalismus" spricht?

Was ist denn mehr geeignet, die Deutschen zu deprimieren und/oder an der Demokratie zweifeln zu lassen: der Lohndruck, der von der jüngsten EU-Erweiterung ausgeht, oder dass es unserer Regierung gar nicht schnell genug damit gehen kann, nun auch noch Bulgarien und Rumänien und sogar die Türkei aufzunehmen? Und damit den Druck -- auch durch eine laxe Visa-Politik -- noch zu beschleunigen?

Nein, nein, Herr Müntefering und Genossen! "Unsozial" ist nicht der Markt, "menschenverachtend" ist nicht die globale Ökonomie. Millionen deutscher Verbraucher, die dank der Globalisierung billiger einkaufen können als je zuvor, Millionen deutscher Geldanleger, die mithilfe der von Ihnen als "Heuschrecken" apostrophierten internationalen Kapitalfonds ihre erbärmliche staatliche Rente aufbessern, hunderte Millionen Inder und Chinesen, die mit der Globalisierung der Armut entronnen sind, wissen es besser. Unsozial und menschenverachtend ist eine Politik, die den Menschen diese Möglichkeiten raubt -- und den Deutschen, die Chance zu arbeiten.

"Auf Wiedersehen", so kündigte die "Financial Times" am Dienstag auf der ersten Seite einen Artikel an, der sich mit der Frage beschäftigte, warum deutsche Unternehmen nicht mehr in Deutschland investieren. Wenn Müntefering und Genossen sich durchsetzen, wird es nicht einmal mehr ein Wiedersehen geben!

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This essay originally appeared in WirtschaftsWoche and also appeared in the May 5, 2005 AICGS Advisor.


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