Grenzen überschreiten: Das Andere erleben By Alexandra Homolar-RiechmannWährend meiner Schulzeit war von dem heute viel diskutierten Anti-Amerikanismus Jugendlicher in Deutschland und Europa nichts zu spüren: Die Vereinigten Staaten waren beliebt, faszinierten durch unbegrenzte Möglichkeiten und den amerikanischen "way of life", begeisterten durch neue Trends in den verschiendensten Lebensbereichen. Viele meiner Mitschüler hätten sich sprichwörtlich Arme und Beine ausgerissen, um dort ein Austauschjahr verbringen zu können. Ich empfand anders, wollte nie in die USA. Doch wenige Monate vor meinen Abiturprüfungen überbrachten mir meine Eltern eine scheinbar freudige Nachricht: ich würde bereits ein paar Tage nach dem Erhalt meines Zeugnisses in die USA fliegen dürfen, um dort, in Boston, an einem Sommerstudium teilzunehmen. Mein erster Gedanke war: NEIN! Alle anderen beneideten mich. Mein Sträuben und Diskutieren sollte mir nicht helfen, und so landete ich schliesslich ohne wirklich eine Wahl gehabt zu haben, am Bostoner Flughafen. Zum ersten Mal lag nun ein Ozean zwischen mir und allem mir vertrautem, dem europäischen Lebensgefühl. Ich hätte am liebsten gleich wieder das nächste Flugzeug in umgekehrte Richtung bestiegen. Die Neugier siegte jedoch, und so kletterte ich endlich in ein Taxi (es bereitete mir schon einige Schwierigkeiten, zu verstehen, wann ich nun an der Reihe war, einzusteigen) und fuhr begleitet von früher Abendsonne durch die schwüle Stadt. Und ich war begeistert! Diese anfängliche Begeisterung, der Zauber, den diese Stadt von der ersten Sekunde an auf mich ausübte, sollte erst der Anfang sein: während meiner Zeit in Boston und Cambridge lernte ich so viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft kennen, hatte so viele interessante und intelligente Gesprächspartner, dass die beiden Monate in den USA einerseits vergingen wie im Flug, mir andererseits unglaublich intensive Erfahrungen und Erlebnisse schenkten, wie ich sie in zwei Jahren zu Hause nicht hätte sammeln können. Mein so gefürchteter Aufenthalt in den Vereinigten Staaten wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis, der Grundstein für den Schwerpunkt meines späterem Studiums der Politikwissenschaft war damit gelegt. Heute, nach fast einem Jahrzehnt, bin ich wieder in den Vereinigten Staaten, erneut um mir ein Bild von der einzig verbliebenen Supermacht zu machen, ein Bild, dass einst schwarz gewesen war, sich schlagartig rosa gefärbt hatte und durch mein Studium schliesslich farbenfroh geworden ist -beinhaltet es nun viel Positives und Negatives, viel Schatten, aber auch viel Licht. Doch eines hat sich grundlegend geändert: diesmal wurde ich selten beneidet um meine grosse Chance, insgesamt fünf Monate hier in den Vereingten Staaten verbringen zu dürfen, davon sogar zwei Monate "im Herzen der Macht". In gewisser Weise ist dieser Standpunkt spätestens mit dem Beginn des Irakkrieges vor fast zwei Jahren sogar repräsentativ, da eine deutliche Skepsis bezüglich der (jeweils) anderen Seite des Atlantiks spürbar ist und man auch oder besonders in Deutschland und Europa eine Stimmung diskutiert, die häufig als Anti-Amerikanismus oder als Anti-George-W.-Bush bezeichnet wird. Die erste Amtszeit George W. Bushs liegt nun hinter uns und das amerikanische Volk hat wieder einen Präsidenten gewählt. Diesmal hat es sich eindeutig und mehrheitlich für George W. Bush als "mächtigsten Mann der Welt" entschieden. Was wird diese nächste Amtszeit mitsichbringen? Wird sie die beiden Seiten des Atlantiks wieder enger aneinander schieben? Oder sie gar noch weiter auseinder treiben? Präsident George W. Bushs idealistische Einstandsrede über die unbegrenzte Macht der Freiheit und das ultimative Ziel der USA, die Tyrannei in der Welt zu beenden, lässt hoffen; hoffen, auf mehr Besonnenheit, nicht nur in Wortwahl sondern auch in Handlungsweisen gegenüber Feinden und Feunden der letztverbliebenden Supermacht; hoffen nicht nur auf ein Ende der tiefen Kluft zwischen beiden Seiten des Atlantiks, sondern auch innerhalb der zutiefst gespaltenen amerikanischen Nation selbst. Gleichzeitig verstärken sich mit derselbsen Rede Zweifel an der Verbesserung der transatlantischen Partnerschaft --und auch an der inneramerikanischen Versöhnung: Werden die USA in Erfüllung ihrer Mission, die Welt von Tyrannei zu befreien, nun den Iran angreifen? Werden die Bürgerrechte, die vor allem schon durch die Patriotengesetze stark beschnitten wurden, weiter hinter dem Kampf gegen den Terrorismus und der Verbreitung von Freiheit in der Welt im eigenen Land zurücktreten müssen? Wie weit ist der alte und neue Präsident der USA bereit zu gehen, jetzt da er keine Wahl mehr zu verlieren hat und in seiner Wiederwahl die Bestätigung für seinen Führungsstil und für seine Irakpolitik sieht? Das sind Fragen, die nur die Zeit zu beantworten weiss, oder, wie es Todd S. Purdum in seinem Bericht über die Einstandsrede des Päsidenten am 21. Januar 2005 in der New York Times schreibt: "It is for historians to judge how well Mr. Bush's actions have fit, or may yet fulfill his words." Es wird sich wohl auch erst am Ende meines erneuten Besuches der Vereingten Staaten zeigen, inwieweit sich meine eigenen Vorurteile oder Erwartungen bestätigen oder wiederlegen lassen. Eines ist jedoch schon in der Kürze meines bisherigen Aufenthaltes deutlich geworden: es ist von ganz besonderer, wenn nicht gar entscheidender Bedeutung, noch einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen. Allein meine Erfahrungen der ersten Wochen waren entgegen schlimmster Befürchtungen -ganz ähnlich wie bereits vor zehn Jahren- sehr positiv: viel mehr und viel offener als ich erwartet hatte, beschäftigt man sich hierzulande mit der eigenen Politik, kritisiert und diskutiert man sie. Vor allem aber begegnet man mir mit unglaublicher Wärme, Hilfsbereitschaft und Geduld, nicht nur in vom fernen Europa so exklusiv wirkenden Denkfabriken und Instituten, sondern gerade im täglichen Umgang mit Kollegen, Mitbewohnern und allen anderen, die sehr darum bemüht sind, mir den Einstieg in das amerikanische Alltagsgeschehen zu erleichten. ............................................................................................... Alexandra Homolar-Riechmann is a DAAD/AICGS Research Fellow working on an analysis of the American democratic decision-making process in Defense Policy. She will continue working on her project as a Visiting Researcher at Yale University from March through May 2005. This essay appeared in the January 27, 2005 AICGS Advisor.
|