Versöhnung – verstanden als ein Prozess der Umwandlung von Feindschaft in Freundschaft und der Aufarbeitung einer unmittelbaren deutschen Vergangenheit von Barbarei, vielfachen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust – ist ein langer, schwieriger, umstrittener und nicht immer linearer Prozess gewesen. An zahlreichen Stationen entlang dieses schwierigen Weges haben Institutionen eine entscheidende Rolle gespielt: als Initiatoren der Versöhnung, indem sie psychologische und einstellungsbezogene Hürden überwanden, als Konsolidierer der Versöhnung über die aktive Aufrechterhaltung und die Förderung neuer Annäherungsweisen, als Kritiker der offiziellen Position der Anerkennung historischer Realitäten, die alleinig aus dem Kriegsverhalten Deutschlands resultierten, und als Stoßdämpfer und Vermittler von Solidarität in schwierigen Zeiten des Versöhnungsprozesses. Für den Versöhnungsprozess sind Institutionen wichtig, denn sie verleihen ihm Dauerhaftigkeit und kontern den Zweifel, dass es sich nur um ein ad hoc Epiphänomen handelt. Sie gewährleisten Kontinuität inmitten der Unbeständigkeit des Prozesses. Sie sind der Nexus zivilgesellschaftlicher und offizieller Aktivitäten und sie bieten ein Vehikel für die Einbindung neuer Generationen in die Aufgabe, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die Institutionen, die in den folgenden Beiträgen analysiert werden, können anhand von vier Dimensionen verglichen werden: 1. Art und Leitung – nicht-staatlich, staatlich, öffentlich-private Partnerschaften und Führungsstil der jeweiligen Leiter. 2. Mission und Reichweite – Verantwortung und Verantwortlichkeit für die Vergangenheit, Erinnerung und Gedenken, Frieden, Opfer- und Täterfokus, physikalische Reichweite. 3. Aktivitäten – Freiwilligendienst, Gedenkstättenpflege, Ausstellungen, Dialoge über die Vergangenheit, Forschungs- und Bildungsarbeit, politische Stellungnahmen. 4. Art der Versöhnung – interne und externe, minimale und maximale. Aus dem Überblick über die verschiedenen Institutionen ergibt sich ein Bild von Vielfalt und Komplexität als wesentliche Charakteristika der Versöhnung.

This essay is published in Corine Defrance • Ulrich Pfeil (Hrsg.), Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»? Deutschland in Europa nach 1945. You can see the table of contents here and find out more about the publication and how to order here.